VDI-Veranstaltung: Über das Scheitern von Großprojekten

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VDI-Veranstaltung: Über das Scheitern von Großprojekten

Elbphilharmonie Hamburg, 2015 by marketingINGenieur Knut Marhold

Warum scheitern Großprojekte so oft?

Die häufigen extremen Kosten- und Terminüberschreitungen (öffentlicher) Großprojekte waren Anfang Mai Thema einer Infoveranstaltung des Bezirksvereins Osnabrück-Emsland im Verein Deutscher Ingenieure VDI und der Deutschen Gesellschaft für Projektmanagement GPM in Lingen. Norman Heydenreich von GPM berichtete von den Ergebnissen und möglichen Entwicklungen der Reformkommission Bau von Großprojekten des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur BMVI. Dabei ging es zwar vordergründig um die ganz großen öffentlichen Projekte, die Probleme und Erkenntnisse lassen sich aber durchaus teilweise auch auf „normale“ Projekte übertragen.

Grundsätzlich scheint es drei wesentliche Ursachen zu geben:

  • Beim (öffentlichen) Auftraggeber fehlt die Projektmanagement-Kompetenz – er ist oft mit der Aufgabe überfordert. Projektbeteiligte kooperieren daher nur unzureichend im Projektinteresse, mit der Ausführung wird oft bereits vor Abschluss der Planung begonnen.
  • Projekte werden vor dem Start (politisch) zu positiv geschätzt, um überhaupt eine Mehrheit für eine Umsetzung zu bekommen. Die wirklichen Projekterfordernisse werden nur ungenau ermittelt sowie nicht detailliert genug geplant.
  • Projekte werden faktisch fast nur an den Billigsten vergeben, da Wirtschaftlichkeit oder andere „weiche“ Faktoren nur mit entsprechendem Begründungs-Aufwand darstellbar sind.

Gerade der letzte Aspekt führt in Verbindung mit dem ersten dazu, dass es bereits kurz nach der Auftragsvergabe zu ersten Nachträgen und damit zu Kostensteigerungen kommt. Oder, wie es aus dem Kreis der Bauindustrie hieß: „Wenn der Vertrag unterschrieben ist, beginnt der Krieg“. Verzögern sich daraufhin Entscheidungen – und natürlich Bauzeiten – „verdienen“ die Ausführenden bzw. können so ihre ursprünglichen Verluste aus dem Vergabeverfahren ausgleichen. DIE ZEIT beschreibt es am 16.7.2015 so: „Kaum etwas ist für viele Firmen profitabler als eine Baustelle, auf der nichts vorangeht: Jede Verzögerung bringt Millionen. … Manche Panne ist keine Panne mehr, sondern ein Geschäftsmodell.“

Kosten- und Terminüberschreitungen gab es wohl, wie Untersuchungen zeigen, schon immer, zumindest hat sich in den letzten 70 Jahren daran nichts geändert. Warum? Haben wir nichts gelernt? Doch. Die Methodik und Instrumente zur Steuerung von (Groß-) Projekten sind durchaus vorhanden und werden immer weiter verbessert. Daraus lässt sich aber leider ableiten, dass Kosten- und Terminüberschreitungen wissentlich in Kauf genommen werden – und das von allen Seiten.

Das deutsche Vergaberecht ist auf den Einkauf von Produkten ausgelegt, aber ungeeignet für die Vergabe von Bauprojekten. Gerade für Großprojekte müssten andere Strukturen geschaffen werden. Die Anforderungen an die Projektmanagement-Kompetenz wächst nicht mit den Kosten, sondern mit der Komplexität und den Wechselwirkungen der Prozesse. Andere Länder – UK, Norwegen, Holland – sind uns da voraus. In UK müssen Projektverantwortliche von öffentlichen Großprojekten zum Beispiel eine spezielle Zusatzausbildung nachweisen.

Als eine zentrale Lösung hat die Reformkommission die Digitalisierung des Bauens erkoren – BIM (Building Information Modeling) soll zur Vermeidung von Planungsfehlern, insbesondere zur besseren Kooperation der Beteiligten, beitragen. Das ist zwar ein wichtiger, aber eben nur ein Ansatz von vielen, wie GPM zeigt. Effektives Management und „Governance“ (Lenkung) sind Voraussetzungen für den (richtigen) Einsatz von BIM.

Welche Punkte schlägt nun GPM – über die von der Reformkommission hinausgehenden Empfehlungen – vor?

  • Entwicklung von Projektsteuerungskompetenzen der Verwaltung als Auftraggeber
  • Verbesserung der gesetzlichen Rahmenbedingungen für Projekte (insbesondere Vergaberecht)
  • Investition in Projektmanagement-Forschung und Lehre
  • Stärkung der Projektmanagement-Ausbildung

Fazit: Ein interessanter Abend mit interessanten Perspektiven – aber auch mit der ernüchternden Feststellung, dass sich nur etwas ändern wird, wenn wirklich alle Beteiligten gemeinsam daran arbeiten, insbesondere die Auftraggeber als bestimmende Kraft.